Usability Diplomarbeit

Usability im www. Redesign eines Webauftritts mit Hilfe von Usability Testing



5.1 Schreiben im www



“The Internet will make every enterprise a publisher.”

Steve Case, chairman and CEO of AOL Time Warner

Dieses Zitat zeigt vereinfacht das Grundprinzip des World Wide Webs: Jede Person, jede Institution oder jedes Unternehmen kann auf einfachste Weise im Internet zum Autor werden. Es besteht ein großer Anreiz ein Dokument ins Web zu stellen, da es jeder auf der gesamten Welt abrufen kann. Kombiniert mit dem System von Links war dies der Grundgedanke von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Webs.

Aufgrund der im letzten Kapitel angesprochenen Schwierigkeiten beim Lesen auf dem Bildschirm und der Tatsache des Scannens unterscheidet sich das Schreiben eines Textes für ein Online-Medium von dem Schreiben für ein Printmedium. Dies wird meist beim Schreiben eines Onlinetextes nicht berücksichtigt bzw. dem Schreiber ist sich der Unterschiede nicht bewusst.

Grundsätzlich sollte der Inhalt auf drei Ziele ausgerichtet sein: den Leser möglichst leicht die Einführung ins Thema zulassen, die Orientierung erleichtern und letztlich Informationen an den Leser weitergeben. Um dies zu erreichen ist es nötig, den Inhalt interessant und dennoch einfach zu gestalten. Zusätzlich sollte die Zielgruppe und deren intendierte Aufgabenstellung unterstützt werden. Jakob Nielsen spricht hier von einer customer-focused language.

Dazu gehört auch eine leicht verständliche Sprache sowie die Vermeidung übertriebenen Fachjargons. Mit der steigenden Anzahl der unerfahrenen Nutzer steigt auch der Anspruch Texte zu schreiben, die von der Mehrheit verstanden werden. Fast immer besteht die Gefahr im eigenen Fachjargon hängen zu bleiben. Im gesamten Usability-Rahmen sollte hier besonderes Augenmerk auf die Zielgruppe gesetzt werden: Muss auf einer Seite für Großhändler der Begriff CPU nicht erklärt werden, so weiß nicht jeder PC-Interessent, dass damit der Prozessor des PCs gemeint ist. Auf diese Terminologie soll in Kapitel 6 noch näher eingegangen werden, wenn es um die Beschriftung von Links und Navigationselementen geht.

In die gleiche Kategorie von nicht optimierten Texten zählt der sogenannte Happy Talk des Usability-Experten Steve Krug. Darunter versteht er den Willkommenstext vieler Homepages, in dem meist keine sinnvollen Informationen weitergegeben werden und so nur den zur Verfügung stehenden Platz verschwenden. Auf vielen Seiten sieht man diese ‘Willkommen’-Meldungen, doch gelesen und gewürdigt werden sie selten. Die Seiteninhaber beachten nicht, dass der User keine Zeit hat zum Smalltalk und direkt zum Thema kommen möchte. Deshalb wird hier empfohlen, diese Art von Meldungen möglichst kurz zu halten und stattdessen eine Beschreibung des Inhalts zu liefern.

Eine allgemeine Regel für das Verfassen von Texten für das Internet lautet: Schreibe kurz und knapp! Aufgrund der Tatsache, dass Lesen am Bildschirm ungefähr 25% langsamer geschieht als auf dem Papier, scheint diese Regel äußerst plausibel. Nielsen empfiehlt Texte aus dem Printbereich bei einer Anpassung für das Web um ca. 50% zu reduzieren. Dies kommt ebenfalls dem Scannen der Informationen zu Gute. In einer Studie zusammen mit John Morkes wurde herausgefunden, dass 79% der Testpersonen den Inhalt der Seiten überflogen und nur wenige Personen Wort für Wort lesen.

Anhand eines Usability-Tests soll eine Optimierung für das Medium Internet veranschaulicht werden. Ein Text wurde fünfmal verschiedenartig aufbereitet. Morkes und Nielsen testeten die Usability der vier Texte im Vergleich zum Originaltext. Dabei wurde die Gebrauchstauglichkeit des letzten Textes um 124% verbessert. Messkriterien waren bei diesen Usertests die Zeit, die für eine Aufgabe benötigt wurde, die Fehleranzahl der falschen Antworten, Gedächtnisleistungen bzgl. späterer Wiedererkennung und die Seitenstruktur. Die nächste Seite zeigt die fünf verschiedenen Texte und deren Veränderung.

Abbildung 19: fünf Versionen eines Beipieltextes
Quelle: Nielsen (2000), S.105.

Text 1 stellt den Ursprungstext dar und wurde viermal verändert. Text 2 wurde um die Hälfte der Wörter gekürzt und zeigte eine Verbesserung von 58%. Text 3 wurde zur besseren Scannbarkeit umgeschrieben, was sich in der Listenaufzählung zeigt. Der vierte Text wurde in einer objektiven und nüchternen Sprache verfasst. Aus diesen drei Arten wurde der Text 5 kombiniert und zeigt die besten Ergebnisse.
Diese Studie zeigt, dass User knapp geschriebenen, leicht zu scannenden und objektiven Text bevorzugen.

Daraus resultieren drei Richtlinien:
1. Inhalt kürzen: Balance finden zwischen dem Beibehalten des sinnvollen und interessanten Teils des Textes und dem Kürzen von unnötigen Informationen.
2. Text scannbar machen: Hervorhebung von Schlüsselwörtern, Benutzung von Auflistungen, zusätzlichen Überschriften und kürzeren Absätzen.
3. Objektive Sprache verwenden: Marketing-Sprache, Modewörter und Adjektive vermeiden, stattdessen aktive Sprache verwenden.

Vor allem die Befolgung den Text zu kürzen ist schwierig, da es sein kann, Detailinformationen vorzuenthalten und somit einen Teil der Besucher zu verlieren.
Wie man in den Usability-Tests von Nielsen und Morkes gesehen hat, stellt die Kürze der Absätze einen wichtigen Punkt dar. Ein weiterer Punkt ist der inhaltliche Aufbau der Texte. Um Dokumente für das Medium Web effizient und attraktiv für den Leser zu gestalten ist es wichtig, dass die Struktur der Texte, also die Art und Weise, in der Absätze angeordnet sind, webgerecht für den Bildschirm optimiert werden.
Somit sieht es aus, als ob das Web seinen eigenen Schreibstil sucht, der allerdings nahe dem der Nachrichtenjournalisten liegt. Eine aussagekräftige Überschrift mit Schlüsselwörtern und ohne übertriebene Metapher sollte dem Besucher den ersten Anhaltspunkt geben, was ihn auf dieser Seite erwartet. Da der Webnutzer meist wenig Zeit hat sich durch ellenlange Seiten zu quälen, ist es wichtig die Hauptaussage kombiniert mit einem Überblick im ersten Absatz eines Artikels zu bringen. Im Fachgebrauch wird dieser Teaser genannt. Der Leser kann selbst entscheiden, ob er weiterliest oder auf eine andere Seite wechselt.

In den folgenden Abschnitten können dann nach und nach Details beschrieben werden. Obwohl der Besucher die Hauptidee erfassen konnte, ist es ihm jederzeit möglich auszusteigen. Diesen Aufbau nennen die Journalisten die inverse Pyramide. Folgender Bericht der Online-Ausgabe der Tageszeitung ‘Die Welt’ soll dies verdeutlichen.

Abbildung 20: Die inverse Pyramide [AM 9]

Der Leser weiß durch die Überschrift, dass Barrichello schneller als Ralf Schumacher war. Die Sub-Unterschrift sagt, dass Michael Schumacher Dritter beim Training zum Großen Preis von Österreich geworden ist. Im Teaser wird dies nochmals kurz zusammengefasst und schon erste Details preisgegeben, nämlich dass der Vertrag von Barrichello verlängert worden ist. In den folgenden Abschnitten werden weitere Hintergrundinfos wie Rundenzeiten und der Ausstrahlungstermin im Fernsehen bekannt gegeben.
Die Methode der inversen Pyramide trägt somit zwei webspezifischen Tatsachen Rechnung: Der User überfliegt den Text (scannt) und findet gleich am Anfang die relevanten Informationen. Dadurch ist es nicht unbedingt nötig nach unten zu scrollen, da die Hauptinformationen im oberen Teil des Bildschirms liegen.
Den meisten Online-Redaktionen ist dieses Vorgehen durchaus bewusst, sie können es allerdings schlecht umsetzen. So z.B. der folgende Artikel aus dem Online-Magazin Dr. Web.

Abbildung 21: Eine ‘falsche’ inverse Pyramide. [AM 10]

Einer Überschrift wird ein Teaser nachgestellt, der das Wichtigste des Dokuments zusammenfasst. Der zweite Abschnitt wiederholt allerdings einen Großteil des Teasers, was zu einer unnötigen Leseverzögerung führt und kostbare Zeit raubt, falls der Leser über den Teaser hinaus liest. Die Wiederholung wurde im obigen Bild gelb eingefärbt.
Ein anderer Fehler wird oftmals durch den Vorspann eines Textes als Kurzfassung auf einer vorgeschalteten Seite gemacht. Das ist zwar einfach zu realisieren, aber dennoch nicht netzgerecht.
Die Redaktion von AOL Deutschland veröffentlichte auf den Wirtschafts-Seiten eine anscheinende Kurzzusammenfassung eines Berichtes und bringt exakt den gleichen Wortlaut auf der Folgeseite. Der Leser merkt unter Umständen nicht, dass er diese Informationen schon gelesen hat und erst im zweiten Abschnitt ihn neue Hintergrunddetails erwarten.

Abbildung 22: Wiederholung des Textes auf vor- und nachgeschalteter Seite [AM 11]

Der obere Screenshot zeigt die Nachrichtenseite und der untere die Detailseite. Gelb eingefärbt wurde der übereinstimmende Text.

Letztendlich sollte auf eine optimale Zeilenlänge geachtet werden. Usabilitytests haben herausgefunden, dass die Zeilenlänge keinen Einfluss auf die Lesegeschwindigkeit hat. Die Ergebnisse zeigten jedoch, dass die Versionen mit kürzeren Zeilenlängen denen mit längeren Zeilenlänge bevorzugt werden.
Bei der Einschätzung der Leseeffektivität wurde dagegen die Version mit längeren Zeilenlänge bevorzugt, wahrscheinlich da weniger gescrollt werden muss.
Aus diesen Studien geht eindeutig hervor, dass bei Dokumenten für den Bildschirm Zeilenlängen über den ganzen Bildschirm unbedingt vermieden werden sollten. Es bieten sich mittlere Zeilenlängen von ca. 65 bis 75 Zeichen als optimale Zeilenlänge.



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