6.2.1 Organisation von Informationen
Ein wichtiger Schritt bei der Planung einer Website ist die Anordnung des Informationsangebotes. Mit diesem Thema befasst sich das Gebiet der Information Architecture (im folgenden IA genannt).
Selbst wenn der eigentliche Inhalt klar und treffend formuliert ist, wird die Site die Ansprüche der Benutzer nicht befriedigen können, wenn die Site nicht auf einem logisch aufgebautem Fundament basiert. Solch ein Fundament stellen Organisationssysteme dar.
Der Informations-Architekt Lou Rosenfeld teilt Organisationssysteme von Webseiten in zwei Dimensionen ein: Organisationsschemata und –strukturen.
Zum einen soll das Organisationsschemata zusammengehörige Inhalte zu logischen Gruppen zusammenführen. Hier kann man wiederum zwischen exakten (eindeutigen) und mehrdeutigen Schemata unterscheiden.
Ein (alphabetisches) Telefonbuch ist die einfachste Variante eines exakten Schemas. Weiß man den Nachnamen, so wird man kaum Probleme haben, die entsprechende Telefonnummer zu finden. Chronologische und geografische Schemata sind weitere Formen. Beispiele hierfür sind ein Verzeichnis von Presseberichten oder eine Auflistung eines Händlernetzes nach PLZ geordnet. Diese drei Arten sind alltäglich und sind somit leicht zu verstehen.
Anders hingegen sind mehrdeutige Schemata, die oftmals wichtiger und sinnvoller erscheinen. Hier werden Dinge zusammengefasst, die auch zusammengehören. Sie sind gerade in diesen Fällen so wichtig, in denen wir uns nicht sicher sind, was wir denn überhaupt suchen. In Fällen, in denen wir die Schreibweise nicht genau kennen oder nur vage Informationen haben, sind diese mehrdeutigen Schemata ebenfalls von Bedeutung.
Die vier wichtigsten mehrdeutigen Schemata sind themenorientiert (z.B. die gelben Seiten), aufgabenorientiert (z.B. Onlinebanking) , zielgruppenspezifisch (z.B. Geschäfts- und Privatkunden) oder Metapher-orientiert (z.B. der Papierkorb auf dem PC-Desktop).
Des weiteren gibt es noch Mischformen zwischen ein- und mehrdeutigen Schemata, die zunehmend im Webbereich angewendet werden. Diese hybriden Modelle lassen den Benutzer im Gegensatz zu den ein- und mehrdeutigen Schemata kein mentales Modell der Seite aufbauen. Stattdessen ist der Besucher gezwungen, alle Menüpunkte durchzugehen und sich für eine oder mehrere Optionen zu entscheiden. Beispiele für hybride Schemata findet man genügend im Web, da die Verantwortlichen sich meist nicht auf ein Muster einigen können. Stattdessen findet der Besucher auf der Homepage einen komplizierten Mix aus verschiedenen Schemata.
Die folgende Abbildung zeigt die Homepage der Sportmesse ispo 2002 mit der linken Navigationsleiste. Hier wurden verschiedene Schemata miteinander vermischt. So wurde eine Themenorientierung vorgenommen (”Produkte & Marken”, “Tour de France”), eine zielgruppenspezifische Auswahl getroffen (”ispo-Aussteller”), eine Metapher-orientierte (”Sports Communities”) und eine chronologische (”ispo live day 2″). Dies sorgt keineswegs zu einer besseren Übersicht. Der Besucher steht einem viel zu langem Menü gegenüber und kämpft sich durch 19 anklickbare Möglichkeiten.
Usabilitytests haben ergeben, dass eine sinnvolle Rubrizierung mit 5 bis 6 Punkten vollkommen ausreicht, um sich auf den meisten Seiten zurechtzufinden.
Ein gutes Beispiel zur Strukturierung von Artikeln findet man, wenn man auf “Produkte & Marken” klickt. Hier findet der Besucher drei Suchkategorien und eine Volltextsuche: Warenverzeichnis nach Produkten, ein alphabetisches Warenverzeichnis und ein Markenverzeichnis. Diese eindeutigen Organisationsschemata unterstützen den Informationsbedarf bestens und erleichtert die Suche nach einem bestimmtem Item.

Abbildung 33: Das Navigationssystem der Website der ISPO 2002 [AM 21]
Die zweite Dimension von Organisationssystemen besteht in der Festlegung von Organisationsstrukturen, die Beziehungen zwischen den einzelnen Inhalten und den zugehörigen Gruppen aufzeigen sollen.
Websites werden nach bestimmten Prinzipien strukturiert. Diese Architektur ist ausschlaggebend für die Konzeption der Navigation und prägt die Vorstellung der Benutzer von der Anordnung der Informationen.
Die folgende Abbildung zeigt die vier wichtigsten Strukturmodelle: sequentiell, hierarchisch, als Raster (Grid) oder in Form eines Netzes (Web). Diese vier Modelle sollen nun kurz erläutert werden. Das Diagramm zeigt diese vier Arten in Beziehung zur Linearität und Komplexität des Inhalts.
Die einfachste Form besteht in einer linearen Präsentation zusammenhängender Seiten. Diese eignet sich vor allem für alphabetische Listen, Enzyklopädien und Glossare aber auch für Trainingsseiten, auf denen ein bestimmter Stoff vermittelt werden soll. Selbst umfangreiche Seiten können sequentiell aufgebaut werden, indem die Seiten des Hauptstrangs Links zu weiteren Seiten enthalten.

Abbildung 34: Organisationsstrukturen von WebseitenQuelle: Lynch, Horton (1997e)
Das Raster ist besonders für Webseiten, dessen Zielgruppe ein bestimmtes Fachpublikum ist, geeignet. Handbücher, Vorlesungsverzeichnisse oder medizinische Fallbeschreibungen lassen sich am besten mit dieser Struktur darstellen. Somit können mehrere Variablen miteinander verbunden werden. Denkbar ist z.B. ein zeitlicher Ablauf, der mit historischen Daten verknüpft ist. Diese können wiederum verschiedenen Sparten zugeordnet sein. Voraussetzung zur vollen Funktionalität ist allerdings, dass diese Einheiten in über- und untergeordnete Themenbereiche gegliedert sind. Ansonsten verliert der Benutzer die Übersicht oder kann sich erst gar kein mentales Modell der Seite aufbauen. Diese Struktur eignet sich deshalb auch besonders für erfahrene Nutzer oder solche, die sich in der jeweiligen Thematik auskennen.
Eine hierarchische Struktur ist die am meisten benutzte Art, Webseiten anzuordnen. Da die meisten Sites sich um eine Homepage gruppieren, bietet sich diese Art für das Web geradezu an und kann so gut wie auf jede Art von Site angewendet werden. Leicht nachvollziehbar ist die Hierarchie auch deswegen, da sie in wirtschaftlichen und institutionellen Bereichen häufig verwendet wird.
Aufgrund der Wichtigkeit soll hier auf einige Schwierigkeiten aufmerksam gemacht werden. Die Balance zwischen der Tiefe und der Breite innerhalb der Informations- Architektur sollte sich die Waage halten. Bei einer zu tiefen Hierarchie muss der User zu oft klicken, um unter Umständen zum Ziel zu gelangen. Bei einer zu flachen Anordnung muss der User zwar nicht oft klicken, steht aber vielen Rubriken und Möglichkeiten gegenüber. Die Kunst besteht darin, eine möglichst ausgewogene Struktur zu entwerfen. Dies sollte vor allem bei neu entworfenen Websites ein Problem darstellen, die im Inhalt erweitert werden sollen. Die folgenden Abbildungen sollen dies zeigen.

Abbildung 35: Die hierarchische Struktur einer Webseite: zu tief, zu flach und ausgewogene StrukturQuelle: Lynch, Horton (1997e)
Die vierte Art besteht in einer netzartigen Anordnung der Seiten. Diese Struktur schöpft zum vollsten Maße die Eigenschaften des Hypertextes aus. Jede Seite ist mit jeder verbunden. Deshalb eignet sich diese Struktur vor allem für kleine überschaubare Seiten oder reine Linklisten. Doch diese Netzstruktur kann leicht verwirren, da sie unvorhersehbar ist und schwer verständlich bei größeren Seiten erscheint.
Die vorhergehenden Ausführungen zeigten, welche Möglichkeiten es bei der IA einer Website gibt und sollte bei der Entscheidung der Auswahl der besten Navigationsorganisation helfen.
Hat der Informations-Architekt sich nun entschieden, welches System verwendet werden soll, besteht der nächste Schritt im Design des Navigationslayouts. Die Struktur legt somit den Grundstein für das Aussehen und die Funktionalität der Navigation.