7.4.1.1 Heuristische Evaluation
Heuristische Evaluation bedeutet, dass eine geringe Zahl von Gutachtern eine Benutzerschnittstelle eines Produktes untersucht und die Übereineinstimmung zu anerkannten Usability Prinzipien, den sogenannten Heuristiken, überprüft.
Ein Beispiel für diese Prinzipien stellt die Heuristikenliste von Nielsen aus dem Jahr 1994 dar. Die Erläuterungen, die sich hier auf das Web beziehen, wurden McKenzie entnommen.
- Zeigen des Systemstatus: Der Nutzer sollte immer über den Status des Systems informiert sein: So z.B. auf welcher Webseite der Benutzer sich gerade aufhält.
- Übereinstimmung Welt – System: Die Sprache des Benutzers sprechen. Ist die Zielgruppe vor allem international, sollte die Webseite auf Englisch verfasst sein. Dazu gehört eine adäquater Gebrauch der Fachtermini.
- Kontrolle dem Nutzer überlassen: Webbrowser haben einen Back-Button, um auf die vorherige Seite zurückzukommen. Seiten mit Flash ignorieren so etwas.
- Konsistenz und Standards: Stylesheets garantieren ein konsistentes Erscheinungsbild. Ein Standard ist z.B. der Homebutton.
- Fehlervermeidung: Besser als eine gute Fehlermeldung ist, Fehler ganz zu vermeiden. Beim Ausfüllen von Formularen sollten die Mussfelder markiert sein.
- Erkennung statt Wiedererkennung: Buttons, Links, Logos und Farben sollten immer eindeutig und erkennbar auf jeder Seite stehen, so dass eine Erinnerung unnötig ist.
- Flexibilität und Effizienz: Benutzung sogenannter “Beschleuniger”, die von Neulingen unerkannt bleiben, dem Experten aber ermöglichen schneller mit dem System zu interagieren.
- Ästhetik und minimales Design: Content ist das wichtigste einer Webseite, woraus eine Reduzierung aller ablenkenden Gimmicks folgt.
- Dem User helfen, Fehlermeldungen zu erkennen, zu verstehen und sich von diesen zu erholen. Individualisierte 404-Fehlermeldungen helfen dem User sich neu zu organisieren.
- Hilfe und Dokumentation: kleinere Webprojekte sollten ohne Hilfe-Seite auskommen.
Die obige Liste stellt nur eine von vielen Vorschlägen dar, die inzwischen gemacht worden sind. Entsprechend der jeweiligen Situation lassen sich diese Heuristiken erweitern und abändern.
Die Durchführung erfolgt folgendermaßen: Jeder einzelne Gutachter prüft für sich alleine. Die Prüfer vergleichen die einzelnen Ergebnisse erst, wenn alle Untersuchungen abgeschlossen sind. Die Prüfungen dauern je nach Umfang ein bis zwei Stunden.
Ebenso wie sich beim Usability Testing die Frage ergibt, wie viele Testpersonen in die Tests einzubeziehen sind, stellt sich hier die Frage, wie viele Prüfer eine Inspektion durchführen sollen. Experten sind grundsätzlich effektiver als Laien, allerdings gilt auch hier, dass jeder zusätzliche Prüfer eine Verbesserung bringt. Die Verbesserungsrate sinkt aber auch hier mit der Zahl der Prüfer.
Nielsen und Molich kommen unter Bezugnahme von sechs Studien zu dem Ergebnis, dass jeder einzelne Prüfer ca. 35 % aller Usability Probleme finden sollte. Folgende Kurve zeigt die einzelnen Erkennungsraten. Daraus resultiert seine Empfehlung, drei bis fünf Gutachter einzusetzen, die ca. 60 bis 70 % der Probleme finden sollten. Erinnern wir uns an Kap 7.2., Abb. 40, so kommen fünf Testpersonen auf 85 % der Fehler.
Um nicht zu sehr ins Detail zu verfallen, soll auf einen Vergleich der zwei Kurven verzichtet werden, dieser ist bei Nielsen (1994b), S. 43ff nachzulesen.

Abbildung 41: Die Erkennungsratenkurven der Heuristischen Evaluation.Quelle: Nielsen (1994b), S. 33.
Die zweite wichtige Usability Inspection Methode ist der Cognitive Walkthrough.