9.3 Chancen und Grenzen
Wie schon im Teil 1.4 Design versus Function angedeutet wurde, tobt seit einiger Zeit eine Debatte zwischen Usability Experten und Grafikdesignern. Dabei spielen einige Missverständnisse eine große Rolle.
Auf der Seite der Usability Experten wird versucht, eine Bedienungsoberfläche, sei es eine Webseite, ein Armaturenbrett oder ein Türknopf möglichst bedienbar zu machen. Hier setzen die Gegner an, und werfen den Usability Experten vor, im Bereich der Usability gäbe es keine künstlerische Ader.
Webseiten sollten ein künstlerisches Erlebnis sein, so die Aussagen der Gegner. Usability dagegen schränkt die künstlerische Vielfalt ein. Es wären keine ansprechenden Webseiten möglich.
Ich finde, dass Webseiten unbedingt gebrauchstauglich sein müssen, aber nicht so aussehen sollten, wie Nielsens Auftritt useit.com. Grafisches Design und Usability sind nicht konträr, sondern beide sind voneinander abhängig und sollten miteinander auskommen können. Das Web ist ein zu großer Platz für ein einziges Paradigma.
Immer noch findet man viele Webseiten, die einfach frei nach Belieben zusammengeschustert wurden, ohne sich Gedanken über intuitive Navigation oder Inhaltsaufbereitung gemacht zu haben und sich dann eventuell mit einer innovativen Webseite brüsten.
Natürlich sollte man hier wiederum bei der Art der Seite unterscheiden. Sollen auf einer Webseite vor allem Kundenprozesse abgewickelt werden, so steht die Aufgabenerfüllung des Kunden klar im Mittelpunkt. Das Produkt, das Ziel der Aufgabe und der Inhalt sollten dann den Mittelpunkt des Auftritts darstellen.
Geht es dagegen um eine Webseite eines Global Player wie z.B. Coca Cola (Abb. 3), der nicht direkt ein Produkt über die Webseite verkauft, sondern nur Branding betreiben möchte, so kann eindeutig das künstlerische Element im Vordergrund stehen.
Leider wird hier nicht genug abgeschätzt und individuell gewichtet. Statt Kompromisse beim Usability Engineering und dem grafischen Layout einzugehen, wird zu unflexibel gearbeitet.
Dass Handlungsbedarf zum Thema Usability besteht, kann man in den Raum stellen. Um dies zu untermauern lässt sich eine Studie aus dem Jahr 2001 heranziehen.
In 500 Unternehmen wurden die Budgetverantwortlichen für die jeweilige Webseite befragt. Das Problembewusstsein über abgebrochene Transaktionen oder verlorene Besucher ist bei den Verantwortlichen sehr gering. 60 % aller Befragten sahen es nicht als Problem an, wenn der Besucher nicht direkt den Nutzen der Webseite erkennt. Dennoch sagten über die Hälfte der Befragten aus, dass Handlungsbedarf zum Thema Usability besteht.
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Dies lässt erkennen, dass Usability eher als Modewort aufgefasst wird, aber nicht zum Standardrepertoire eines Relaunches gehört. Dagegen gehören Usability-Tests längst ins Pflichtenheft jedes Agentur-Briefings.
Bei meinen Literaturrecherchen merkte ich schnell, dass das Thema HCI und Usability in Deutschland immer noch in den Kinderschuhen steckt. Wie kann es sonst sein, dass wichtige Fachliteratur zehn bis 20 Jahre nach der englischsprachigen Erstveröffentlichung immer noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist? Allein Jakob Nielsen setzt sich für ein breites Veröffentlichen seiner Erkenntnisse in vielen Ländern ein. Ob dies aus vollem Herzen und Überzeugung geschieht, oder doch nur aus kommerziellen Hintergedanken besteht, möchte ich nicht entscheiden.
Allerdings sollte Usability-Testing nicht als Allheilmittel dienen, das alle Probleme eines Webshops oder eines E-Commerce Unternehmens löst. Eine leicht zu bedienende Webseite ersetzt keinen durchdachten Businessplan oder verbessert auch kein negatives Marktumfeld.
Meines Erachtens werden ohne die Unterstützung durch Usability Maßnahmen in jeder Phase des Designprozesses wertvolle Möglichkeiten zur Optimierung des Webauftritts verschenkt. Können vor den ersten Designvorlagen Focus Groups zur Erwartungshaltung der Nutzer angewendet werden, sollten während der Entwicklung mehrere Usability-Tests durchgeführt werden. Somit können die späteren Benutzer in den Designprozess einbezogen werden. Eine möglichst hohe Nutzerzufriedenheit sollte demnach erstrebenswert sein.
Gefahr sehe ich allerdings darin, dass zwar Usability-Tests durchgeführt werden, die Ergebnisse aber nicht umgesetzt werden. Ebenso sollte man es nicht als einmalige Sache abtun und zu den Akten legen, sondern auf einen iterativen Prozess achten. Im oben besprochenen Business Case sind ebenfalls weitere Tests notwendig, um das neue Design weiter an die Nutzer anzupassen.
Denn wie heißt es so schön: Eine Webseite ist immer eine Baustelle und niemals fertiggestellt.