“If you are a designer, you’ll be glad to know that the same rules of design apply to the web as to print – or any other medium.”
Ben Benjamin
Seit über 30 Jahren werden Texte und Grafiken auf Computerbildschirmen dargestellt. Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks liegt über 550 Jahre zurück und seit ungefähr 400 Jahren erscheinen Zeitungen. Warum sollte es dann Veränderungen beim Seitenlayout und Design im Internet geben? Studien haben ergeben, dass obiges Zitat des Designers Ben Benjamin heute nicht mehr hingenommen werden kann, denn es gibt durchaus beachtenswerte Unterschiede zwischen dem Webdesign und dem Design anderer Medien.
Teile der Richtlinien für Software-Anwendungen können wir auf das WWW übertragen, insbesondere die grundlegenden Erkenntnisse über Benutzertypen und die normierten Grundsätze der Dialoggestaltung. Der wesentlichste Unterschied zwischen traditionellem GUI-Design (Graphical User Interface) und Web-Design ist, das bei letzterem die Kontrolle über das Interface aufgegeben werden muss. Unter dem Ausdruck GUI ist eine Benutzeroberfläche zu verstehen, wie man sie von Desktop-Software kennt, wie z.B. Microsoft Office. Hier kontrolliert der Softwareprogrammierer die Benutzeroberfläche und weiß genau, wie das Programm auf dem Bildschirm des Benutzers aussehen wird. Er kennt das Betriebssystem, die installierten Schriftarten und typischerweise auch die zur Verfügung stehende Bildschirmgröße. Dies alles gilt im Web nicht mehr. Der User bestimmt mit welchem Browser und OS (Operation System) er surft, wie groß der Bildschirm ist, welche Schriften installiert sind (vgl. Abb.2), wie schnell sein Netzzugang ist und welche Erweiterungen (de)aktiviert sind.
Der einzige Weg, um dieses Problem meistern zu können, ist ein Zusammenspiel zwischen den Spezifikationen der Webseite und den Eigenheiten des Clientsystems zu gewährleisten. Tests auf verschiedenen Systemen und eventuellen Anpassungen sind hierfür nötig.
Des weiteren unterscheiden sich die Navigationsmöglichkeiten auf Webseiten und in Softwareprogrammen. GUI’s bestehen aus Menüleisten, Icons, Listen, Dialogen und verfügen meist über keine Wartezeiten der Interaktion. Dem Programmierer ist es allein vorbehalten Schaltflächen zu deaktivieren oder den Weg des Benutzers vorzugeben. Zudem bewahrt die Anwendung von Style Guides, z.B. dem Windows oder Apple Macintosh Styleguide, eine gewisse Konsistenz der Oberflächen. Auch wenn der User noch nie mit Word 2000 gearbeitet hat, findet er sich mit dem Menü in folgender Abbildung auf Anhieb zurecht und weiß, wie eine Datei zu öffnen ist.

Abbildung 5: Bewahrung der Konsistenz: Menüfenster in Word 2000.Quelle: eigene Darstellung aus Word 2000
Dies alles ist im Web nicht gegeben. Es gibt keine anerkannten Styleguides und dem User bleibt durch die verschiedensten Hyperlinks vorbehalten welchen Weg er beschreitet. Dies erklärt auch die Wichtigkeit einer intuitiven Navigationsführung. Der Besucher kann Wege gehen, die der Webdesigner nicht beabsichtigte, z.B. von einer Suchmaschine kommend direkt in eine Unterseite gehen ohne jemals die Homepage gesehen zu haben.
Da Webseiten im wesentlichen Textseiten sind, muss der Webdesigner ebenso Richtlinien aus dem konventionellen Printdesign beachten, z.B. keine gleichzeitige Anwendung vieler Schriftarten und –größen zur Bewahrung der Konsistenz.
Im Folgenden soll noch auf die relevantesten Unterschiede zum klassischen Design von Printmedien aufmerksam gemacht werden.
Hier ist es sehr bedeutsam, sich klar zu machen, dass der Webbenutzer nicht Wort für Wort des Inhalts liest, sondern nur den Text scannt und das Wichtigste versucht zu erfassen. Da dies in diesem Kontext nur sekundär den Webdesigner betrifft und in Punkt 5.1 dies näher behandelt wird, soll hier nicht weiter darauf eingegangen werden.
In der Fachliteratur wird empfohlen White-Space, also weißen Raum, zu verwenden. Studien im WWW haben dagegen gezeigt, dass dies das Lesen am Bildschirm erschwert. Umso mehr weißer Raum sichtbar war, um so schlechter wurde die gesuchte Information gefunden. Ebenso bewerteten Testpersonen Seiten aufgrund eines hohem weißen Anteils bzgl. der Leichtigkeit des Lesens, des Suchens, der Produktivität und des Gesamteindrucks schlechter. Ein Grund dafür ist die geringe Auflösung der Bildschirme sowie die Hintergrundbeleuchtung . Dies erklärt auch das Phänomen, dass User oftmals Webseiten ausdrucken um diese offline zu lesen.
Eine umfassende Lösung für die Vermeidung von White Space wurde noch nicht gefunden. Jacob Nielsen empfiehlt dagegen grundsätzlich weißen Raum einzusetzen, damit das Auge leichter erkennt, wie die Informationen angeordnet sind.
Folgende Abbildung zeigt ein von der Society for News Design (SND) ausgezeichnetes Zeitungsdesign. Dem Zeitungslayouter steht eine riesige und immer gleichgroße Fläche zur Verfügung, während Webdesigner mit einer viel kleineren Arbeitsfläche zu kämpfen haben. Das Layout einer doppelseitigen Zeitung ist innerhalb von Sekunden erfasst, während der Benutzer am Bildschirm abhängig von seinen Leseeigenschaften meist nach unten scrollt um den kompletten Inhalt erfassen zu können.
![Abbildung 6: Auszug der 'Expansion' [AM 4]](http://www.usability-diplomarbeit.de/wp-content/uploads/2006/11/abb6.jpg)
Abbildung 6: Auszug der ‘Expansion’ [AM 4]
Während der obige Zeitungsausschnitt über Chile demonstriert, dass Gedrucktes ein 2-Dimensionales Medium ist, würde man im Internet eine interaktive Landkarte Chiles mit Links zu den einzelnen Städten und Regionen finden. Hier zeigt sich die Mehr-Dimensionalität des WWW, die allerdings die Schwierigkeit der Navigation durch den Hypertext aufzeigt.
Zurückblickend auf Benjamin Bens Zitat vom Anfang dieses Kapitels lässt sich sagen, dass der Designer sich dem jeweiligem Medium anpassen muss und auf die Spezifikationen mit möglichst vielen Vor- und Nachteilen Acht geben sollte. Obwohl sich viele Gemeinsamkeiten in der Gestaltung der unterschiedlichen Medien finden ließen, zeigt das Internet völlig neue Möglichkeiten.